Sammelband Vol. II

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Pfiffikus

Seltene Liaison

Dem Hasen ein Ohr ab 

 

Sammelband Vol. II

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PFIFFIKUS

THERE’S NO BUSINESS LIKE SHOWBUSINESS

 

Aus der Unsterblichkeit geheimer Landschaften erwacht, wälzte sich Pfiffikus auf seinem schmalen Bett hin und her, wie immer lag da auch schon wieder das gebräuchliche Leben neben ihm, hielt ihn in enger Umarmung und wollte - auch wie immer - an erster Stelle sein. War es natürlich auch. Musste es ja sein, damit Pfiffikus, schlau wie er war, all den Anforderungen, Ansprüchen und Bedürfnissen seiner riesigen Welt gerecht werden konnte.

Wohltuend hörte sich der Regen an, der auf die roten Dachziegel prasselte. Die letzten Tage waren heiß, die Luft stickig und schnell konnte Pfiffikus jemand zu nahe treten, und war es auch nur auf Grund unangenehmen Körpergeruchs. Aus dampfenden Achselhöhlen drangen beizende Schweißgerüche hervor. Unter Röcken hervor- und durch Hosenstoff dringender borstiger Harngestank, aus sabbernden Penissen und zugeknöpften Vaginen, aus nach Atem ringenden und bitterste Übelkeit aushauchenden Kehlen, die durch Münder und Nasenlöcher ausgestossene ekelhafte Luft gaben ihm den Rest, machten ihn fertig. Ein kurzer Regen konnte nur von Nutzen sein. Heute durfte man ihm seine Arbeit als Touristenführer nachsehen, bestimmt würde er nicht wie vom Teufel gejagt umher rennen wie zuvor, nur um sich ein paar zusätzliche Euro zur Rente zu verdienen. Ja, eigentlich hatte er sich bereits entschieden, es nie wieder zu tun. Seine Dienstbarkeit sollte zukünftig von höherer Muse getragen sein, und sollte er dabei keinen Cent verdienen. Sein Name allerdings, müsste wieder in aller Munde geraten und all die arschgesichtigen Dilettanten, welche ihn damals fallen liessen wie eine heiße Pellkartoffel, in Staunen versetzen. Und wie es dazu kam?

Vor taggenau fünfzig Jahren, als sein Herz von duftenden Blumenblüten und samtflaumigen Schmetterlingen, von grellgelben Sonnenkringeln befruchtet und sein Geist von unsagbaren Einfällen wie aus göttlicher Hand genährt wurde, als er die faltige und altersbefleckte Hand eines Kardinals küsste, der eben dabei war den St. Petersplatz zu durchlaufen, fingen gewisse Dinge an ihren Lauf zu nehmen. Oft zu seinem Unverständnis, denn warum küsste er jetzt auf einmal die zittrige Hand eines alten Mannes? Warum mochte er stundenlang vor sich her pfeifen und leichtfüßig kreuz und quer durch die Stadt trippeln, wer zauberte ihm dieses unwiderstehliche Lächeln ins Gesicht? Was seine Hände berührten, schien sich vor aller Augen zu vergolden. Und wie ihm damals auch schon der Kardinal sagte, hätte Gott eben seinen eigenen Fahrplan, was für sich betrachtet bereits ein Wunder darstellen täte. Das erste Wunder demnach, welches alles weitere somit in den Schatten drängte. In diesem Licht gab es nichts oder eben nur noch Besonderes.

Damals, vor eben diesen taggenauen fünfzig Jahren, lagen keine grüblerischen Züge um seinen Mund, er war sich beständigen Erfolges sicher, seine pomadisierten schwarzen Haare und die Backenbärte sprachen dazu Bände, Mädchen und Frauen fielen ihm entgegen wie aufgereihte Dominosteine, Gazellenwesen und pfundige Monolithe, doch allezu waren sie Göttinnen, welche sich an seinem Knackarsch festzukrallen versuchten. Die stinkende Hitze von heute gab es damals noch nicht, die Luft roch frisch, die Damen nach verführerischem Odeur, bornierte Arschlöcher kamen selten vor und verteilten sich fast unbemerkt in der Menschenmenge Roms und richteten sich nach Einwohnerzahl und Quadratmeter aus, dies aus dem Kalkül römischen Benehmens. Niemand glaubte damals, ihn mit schweren Augen messen zu müssen, mit dieser prätentiösen Unverschämtheit heutiger Gesellschaft.

Doch fand er sich in aufrauschender Eitelkeit wieder, und sollte ihm heute jemand spottgeneigt begegnen, ihm also mit stupider und abstoßender Bürgerlichkeit zu nahe treten wollen, müsste sein siegessicheres Lächeln über seine Züge huschen und mit entmachtender Wirkung in die Fresse des Angreifers klatschen. An dieses Gebaren müssten sich die Leute wieder gewöhnen, einige auch nur daran erinnern.

All dies erdachte sich Pfiffikus bei dem herrlich erlösenden Regengeräusch. Ein leichtes Nachtröpfeln war jetzt der Fall und nurmehr eine Frage der Zeit, dass er sein Vorhaben ausprobieren wollte, also mit wuchtiger Selbstsicherheit durch die Gassen Roms schlendern, so würde Konstanze wieder auf ihn warten mögen, auf einem Steinbänkchen am Tiber sitzen und so tun, als wäre sie beschäftigt.

Zunehmend brach die Wolkendecke auf und von Pfütze zu Pfütze hüpfte sich spiegelnd Pfiffikus Antlitz, als er dem Fluss nachging. Trippelnd huschte er den Weg entlang, vorüber an Spaziergängern und Radfahrern. Ohnehin würde Konstanze einmal mehr behaupten, dass sie viel zu lange auf ihn habe warten müssen und von dieser vagen Vorahnung durchbebt, trieb er seine Beine voran.

„Konstanze! Allerliebste Konstanze!“, rief Pfiffikus, als er sie erblickte. Tatsächlich habe er gedacht, sie sei bereits verschwunden. Paralysiert von ihrer Ungeduld.

Konstanze: „Warum so spät?“ Ihre Stimme krächzte und klang ärgerlich.

Pfiffikus: „Fällt dir nichts auf? An mir. An meinem Gesicht.“ Was ihr denn auffallen müsste, fragte sie. Er: Dass er sein siegreiches und allen Leuten bekanntes und unwiderstehliches Lächeln von anno dazumal wieder errungen hätte. Oder besser, er dabei sei, sich dieses zurückzuerobern. Konstanzes bedeutungsvoller Seufzer verhinderte jedes weitere Eingehen auf vergangene Zeiten und unterdrückte die von Pfiffikus herbeigesehnte Gefälligkeit an seiner Person als verdienter Mann, als Prominenz, als Star, als Bühnengröße. Nun seufzte auch Pfiffikus, vielleicht sogar noch um eine Spur bedeutungsvoller. Dass sie, Konstanze, als alte Jungfer und Getreue von Jesus Christus dies nicht verstehen konnte, wunderte ihn eigentlich nicht. Als seine alte Freundinn allerdings, müsste sie doch den Künstler in ihm erkennen wollen, alles andere wäre deutliches kompromittieren, in Abkehr von aller Moral. Doch eigentlich besaß sie ja nie wirkliche kontemplative Stärken, die alte Gans! Um gefährlichem Ausufern seiner Gefühle Einhalt zu gebieten, legte er seinen Arm um ihre Schultern, stoisch, wie es sich für einen Gentlemen seiner Kragenweite eben gehörte.

„Was kümmert es mich denn?“, sagte Konstanze nachdem sie ein paar Schritte in seiner Umarmung mitlief. „Was sollte es mich denn kümmern?“

 

In schmalen Gassen Roms wuchs Konstanze auf und reifte schnell zur treuen Katholikin heran, zur Schwester oder gar Ehefrau Jesus Christus. Sehr schmal waren die Gassen und die vorgehängte Wäsche der Bewohner warf luftig Schatten auf die Pflastersteine, auf die Fahrrad- und Motorradsättel, auf Hüte, Kopftücher und Toupets. Nebst der Liebe zum Katholizismus, der gottnächsten Religion überhaupt, liebte Konstanze Tauben und hielt beständig Futter und Wasser für diese Viecher bereit, auf dem Fenstersims neben ihrer Wäscheleine. Gesprenkelt verschissen glänzten Hausmauer und Straße. Natürlich hatte sie sich deswegen tägliche Reklamationen anzuhören, doch der Taubenhimmel stand ihr dabei gurrend beiseite.

Konstanze war von pyknischer Natur, ein magerer Haken genau genommen, hatte graue lange Haare, diese zu einem Knoten hochgerafft, hochgesteckt, doch im Geheimen trug sie ihre Locken offen, mit schwarz funkelnden Augen sich dieser Erotik ausliefernd. Von kultivierter Sprache waren ihre Worte und Sätze, als Zögling göttlicher Gewalt eine Selbstverständlichkeit und nicht selten gerieten Leute in ihren kritischen Blick. Mit steifem Hals betrachtete sie dann die welken Kreaturen, die Abkömmlinge schöner Sprache. Ankotzen hätte sie diese Kopulation teuflisch animistischer Verbalinjurie können, doch schluckte sie den ganzen Brei jeweils mit grämlichem Ausdruck runter. Wen kümmert das schon?, antwortete ihr einst Pfiffikus auf ihre Stoßseufzer. Davon dürfe man sich den Verstand nicht verdunkeln lassen, seine Flatulenz beschäftige ihn weit mehr. Dabei betrachtete er über Konstanzes Wandspiegel seine gefettete und tadellos in die Stirn frisierte Tolle, insistierend, dass er noch heute der beste Moderator aller Zeiten sein könnte, ohnehin ginge er als prägende Persönlichkeit in die Fernsehgeschichte ein, und als wiederauferstandene Vedette du téléaste würde sie, Konstanze, ihn mit aller Welt teilen wollen. Die Ed Sullivan Show wäre keine Konkurrenz mehr und lächelnd würde er seinem lieben Genossen Edward Vincent in den Arsch treten. Der arme Eddy läge dann dahingerafft auf seinem ekelhaft seifigen Lächeln, mit rotgeränderten Schweinsäuglein grunzend nach Schutz suchend.

 

Einander untergehakt liefen sie vorüber an Oleandersträuchern, Rosenstauden und verstummten Brunnen, auf ihren Gesichtern ein zart-epischer Schatten komödiantischen Ursprungs, etwas wächsern vielleicht, etwas hölzern möglicherweise, ein abverreckter Kunstgriff in jedem Fall, doch keineswegs störend und peinlich schon gar nicht. Konstanze bat Pfiffikus, er möge mit ihr mitkommen, wenn sie ihre rollstuhlgängige Freundin besuchen ginge. Also noch eine alte Schachtel zusätzlich würde er nicht aushalten wollen, dachte er sich und lächelte nickend aus weich gespaltenem Kinn heraus, die Fältchen um Konstanzes ungeküssten Mund betrachtend. Falten eines religiösen Versprechens? Geweihter Appeal? Und die Rollstuhlfahrerin? Noch eine alte Schachtel! Eine weitere Apenninenschwarte, die sich zitternd die geschälten Apfelstückchen in den Rachen schiebt, in ihren Gummihals? Sein alter Charme müsse seine zänkischen Gedanken vertreiben mögen, sein Lächeln wie gesagt auch dem unsichtbarsten Angreifer auf den Deckel hauen. Vernichtend!

Wäsche flatterte in der Hitze dieses Nachmittags und Römer hin oder her, Sommertage gewohnt oder nicht, man rang nach Atem und war gereizt und später, nach Sonnenuntergang, wenn sich alles normalisiert hat, käme noch das mühsame Gefühl hormoneller Unausgeglichenheit dazu und eben von diesem Gedanken erregt, stieß Pfiffikus Konstanzes Freundin in ihrem Rollstuhl vor sich her, durch eine rauschend auffliegende Taubenschar, die Eine oder die Andere glaubte Konstanze gekannt zu haben, doch ungehört blieben ihr Halali und dieses bescheuerte, dieses hohe und scharfe put…put…put.

Der Straßenlärm war schuld – sagte sie.

Pfiffikus: „Schauen wir uns die Pietà an? Herrlich!“, sagte er weiter zu Konstanzes Freundin, zur Rollstuhlfahrerin, zur Appeninenschwarte. Herrlich! Heute Morgen habe er liegend dem Regenguss zugehört und spontan habe er sich entschieden, keine Touristen mehr durch Rom zu führen. Dass sie dies erstaunen würde, sagte sie, und weiter: ob ihm der Alltag dann nicht zu einförmig begegne. Und eine Wiedergeburt als Entertainer wäre wohl ausgeschlossen. Konstanze schwieg. Edward Vincent lachte hämisch. Zumindest in Pfiffikus feuerroten Gedanken lachte Eddy hämisch und von der teuflischen Bemerkung dieser Gans enerviert, wollte er sie, dieser alte Faltensack, die ungehörig weiter auf ihn einhackte, ihn beleidigte und nötigte, bei nächster Gelegenheit eine mindestens fünfzig stufige Treppe hinunter purzeln lassen, in ihrem beschissenen Rollstuhl. Verfolgt von seinen Schimpftiraden täte sie sich ihren speckigen Nacken brechen, geflissentlich nicht vor der fünfzigsten Stufe. Aufatmend würde er dann, sich den Backenbart streichelnd eine Zigarette anzünden und wer weiß, vielleicht würde sich Eddy sogar mit ihm verbünden wollen, verbrüdern sozusagen, solidarisieren mit dem Geiste eines Genies, mit Pfiffikus, dem größten Unterhalter aller Zeit.

Pfiffikus: „Vergisst die Pietà! Ich lade euch zum Essen ein.“

Freundin: „Sie hätten mich die Treppe runter schubsen sollen, Pfiffikus. Loslassen und totlachen darüber. So will ich doch geahnt haben, was dieser aufgeblasene Idiot gedacht hatte. Dieser komplexüberhäufte Volltrottel, dieses eitle Fernseharschloch, dieses schleimige Schwuchtelgesicht. Das Geld für das Leichenmahl könnten Sie meiner Handtasche entnehmen, sollte es nicht auf der Straße verstreut liegen, in Blut- und Fettlachen. Aber darum geht’s jetzt nicht! Im Übrigen: finden Sie mich zu dick?“

Er: „Ich finde Sie hervorragend.“

Sie: „Klug von Ihnen. Also dann, laden Sie uns zum Essen ein. Haben Sie genug Geld dabei?“

Selbstverständlich habe er genug Geld dabei, leierte Pfiffikus aus dem Schatten seiner Eitelkeit, seines Ressentiments, und doch, diese blutrünstige alte Schachtel, diese Provokateurin scheußlichsten Idioms hatte es ihm angetan. Möglicherweise war es ihr knorriges Wesen, ihre freche Klappe, eine ächzende Pillendreherin, dachte sich Pfiffikus. Eine sarkastische alte Kuh und trotzdem ein zunehmend konstituierendes Element des heutigen Tages. Alleine ihrer Eloquenz wegen hätte er sie tunlichst erwürgen wollen. Er, Pfiffikus, der Fernsehstar aller Zeiten und als Redekunst affines Genie, würde sie aber schlagen in ihrer Überheblichkeit. Zu schade nur, dass Konstanze bei jedwedem seiner Versuche deutlich ihre Brauen anhob und die Lippen zusammenpresste, aufbrausend und wieder verebbend in ihrer christlichen Tugend. Ungestört und in aller Ruhe hätte er sich mit Olimpia duellieren wollen, die kluge Frau Doktor wollte er platt sehen. Platt vor ihm, auf dem Bett liegend und mit vom Körper abgespreizten Armen und Beinen. In seinen Diensten stünde sie dann, anfänglich wenigstens, schließlich hatte er es mit einer Kämpfernatur zu tun und zwar mit einer die zurückschlagen kann und sollte dies geschehen, würde er ihr dienen wollen, als reuiger Sklave, am liebsten vor einem Millionenpublikum.

SELTENE LIAISON

In fahlem Licht wurden Gedanken gesponnen und gezwirnt und ausgetauscht, als würde man an einem Tisch sitzen und nichts weiteres tun als den Salzstreuer hin und her schieben. Die Suppe des anderen interessierte sehr. Als ein einziger Wettkampf schienen sie ihre Ehe zu betrachten. Kein süßer Dämmerzustand, wie es eigentlich hätte sein können. Dieses Schöne, dieses Verträumte von damals schien sich zunehmend aus ihrem Leben zu entfernen. Vielleicht würde es nie lange an einem Ort bleiben wollen, hätte man sich fragen können. Doch zeigten sich Tage und Nächte anfänglich in beispielloser Glücklichkeit. Gespräche fanden statt, auch wenn geschwiegen wurde. Konstant waren Zärtlichkeit und Berührung. Anspruchslos glaubten sie, die Liebe gefunden zu haben. Damals.

Alles schien so einfach, so selbstverständlich zu sein, als sei die Erlaubnis zu lieben und zu träumen schon immer vorhanden gewesen. Niemand hätte sich dafür rechtfertigen wollen. Schon gar nicht bei sich selbst. Zeiten verschmolzen, als hätte dieses Glück sie schon immer heimgesucht. Selbst unbekannte Leute schienen einen zu kennen. Kennen zu wollen. Ihnen war, als bestünde die Welt nur noch aus einer Laune. Aus einer längst erschaffenen. Damals dachte noch keiner daran, dass es einmal von Bedeutung sein könnte, wer beim Spazieren die längeren Schritte macht. Ob man gerade aus, nach links oder nach rechts geht. Als lustig empfunden hätte man dies. So wie alles lustig war, in diesem Traum. In dieser Liebe. Ihren Kindern würden sie dasselbe Glück wünschen. Diese sollten von all dem profitieren dürfen, wenn sie einmal da sind. Ein Junge und ein Mädchen, sei ideal. Vielleicht auch zwei Jungen und zwei Mädchen. Oder zwei Jungen und ein Mädchen. Ein Mädchen müsse unbedingt auch dabei sein, sagte sie. Wichtig sei, dass die Buben älter seien als das Mädchen, meinte er. Eigentlich könnten sie sorglos in die Zukunft blicken. Sein Kaufmannsladen, das wisse sie ja, würde bestens laufen und beträchtliche Gewinne abwerfen. Das Haus, in dem jetzt seine Eltern wohnen, könnte schon in wenigen Jahren ihnen gehören. Sie solle sich doch einmal vorstellen, wie schön dies wäre. Sie und er und die Kinder. Arbeit gäbe es natürlich schon, ein so feudales Heim. Der Garten alleine mit den vielen Blumen und auch die Hecken müssten regelmäßig geschnitten und in Form gebracht werden. Dies jedoch, sei seine Arbeit. Gleich wie er monatlich zweimal, und zwar jeweils an einem Sonntag, sich eine Küchenschürze umbinden täte. Wohl gäbe es immer dasselbe Gericht, dieses dafür meisterhaft. Darauf würde sie sich jetzt schon freuen. Kerzenschein dürfe dabei nicht fehlen. Aber für das Ambiente könne ja sie dann sorgen.

Ihr Erstgeborenes tauften sie Hanna. Tiefgrün waren ihre Augen und weizenblond die Haare. Dies und Nase und Lippen hatte sie von der Mutter, darauf bestand sie, Stirn und Ohren auch, dem Vater könnten das Grübchen zwischen Oberlippe und Nase und das Kinn bleiben. Genau wüsste man es nicht. Dies müsste sich erst noch etwas verdeutlichen. Als glückliche Mutter stand nun Frau Reinhard vor ihrem Kind, vor ihrem Mann, vor ihrer und seiner Familie, vor andern Müttern, vor den Dorfbewohnern und vor sich selbst da. Da meinte auch im Garten und im Kaufmannsladen. Da meinte eigentlich auch, dass erst Söhne hätten geboren werden sollen. Ein oder zwei. Doch ließen diese aus unerklärlichen Gründen auf sich warten. Eine Tragödie sei es, meinte der Hausarzt. Wenn wenigstens noch ein Mädchen zur Welt käme, so bestünde danach eher die Hoffnung auf weitere Geburten. Auf Buben eben. Aufgeregt schlugen Herrn Reinhards Schläfen zwar, weitere Kinder jedoch blieben aus. Natürlich sei er auch mit der Hanna ganz zufrieden. Beklagen jedenfalls, wolle er sich nicht. Was ihm der Arzt hingegen zugeflüstert hatte, so sehr geflüstert, dass es ihn beinahe in Raserei versetzt habe, sei gar nicht so abwegig. Wenn diese Frau von Lichtenberg nämlich, so erzählte es der Arzt, ihren Jungen nicht zu sich nehmen könne, warum sollte dann nicht er diesen armen Buben aus dem tristen Kinderheim herausholen? Ehrwürdig genug wären sie gewiss, seine Frau und er, und Hanna hätte bestimmt auch ihre Freude daran. Sein Freund Fritz hätte schon recht, wenn er übers Leben sagt, so kompliziert, wie es ist, sei es auch einfach und so einfach es ist, sei es auch kompliziert. Dabei würde er bleiben. Diese Aussage würde eben immer zutreffen. Ob Regen oder Sonnenschein. Ja, ehrwürdig wären er und seine Familie schon. Finanziell würden sie ordentlich dastehen. Der Kaufmannsladen liefe hervorragend, im Dorf seien sie beliebt, Trunksucht gäbe es in beider Familien keine. Weder bei den Reinhards, noch bei den Hubers. Aktiv würden sie in Vereinen mitmachen und auch im Kirchenchor. Ein Ablehnen seines Gesuchs könne er sich in keiner Weise vorstellen. Schwester Margot hätte ihn und seine Frau bereits zu einem Gespräch eingeladen. Hanna nähmen sie dann natürlich auch mit. Dies zu tun sei strategisch von äußerster Tragweite. August sei der Name des Buben. Von der Fotografie her passe Philipp oder René, aber auch Damian und Jürg. Wie jemand auf den Namen August hätte kommen können und an diesem dann noch Gefallen finden, sei ihm unerklärlich. Vielleicht ließe sich da ja später, wenn er den Buben erst mal bei sich zu Hause habe, noch etwas machen. Lustig sei es bestimmt nicht, einen solchen Namen zu haben. Nicht einmal als Zweitnamen. Hoffentlich würde der Bub dadurch keine Nachteile erleben müssen.

 

August galt dann schon bald als zweitgeborenes Kind der ehrenwerten Familie Reinhard. Aus gesundheitlichen Gründen würde der Bub jedoch noch ein Jahr in einer Klinik verbringen müssen. Einer sehr renommierten. Dann dürfe er erst nach Hause kommen. Endlich wäre dann die Familie zusammen, sagten beide jeweils mit strahlenden Augen und sie, Frau Reinhard, geborene Huber, lachte dabei und erzählte aus der Zeit ihrer Schwangerschaft. Hanna hätte ihr einen kugelrunden Bauch geformt und viele hätten schmunzeln müssen deswegen. Frauen und Männer. Doch der August hätte fast keinen Platz gebraucht. Ihre Umstandskleider wären kaum von Nöten gewesen, sagte sie, doch angezogen hätte sie diese trotzdem. Ganz so klein sei er doch nicht gewesen, ihr geliebter Fratz. Ihr Hausarzt könnte dies bestätigen, wenn er noch leben würde. Dieser hätte an August bestimmt seine größte Freude gehabt. Aber eben, leider verstarb er schon vor ihrer Entbindung. An was genau, wisse sie nicht mehr. Problemlos seien beide Geburten gewesen. Die von Hanna, sowie auch die von August. Die Namen ihrer Kinder hätte sie im Traum gehört. Einmal, als sie im fünften und einmal, als sie im achten Monat war. Beide Namen hätten ihrem Mann auf Anhieb gefallen, meinte sie. Der Fritz hätte schon recht. So kompliziert, wie das Leben ist, es auch einfach sei und so einfach, wie es ist, es auch kompliziert sei. Stolz schritt Vater und Mutter Reinhard durchs Dorf mit ihren Kindern. Getreu lag die Hand des Jungen in der des Vaters, die des Mädchens in der von Mutter. Der Sonntag schillerte in Gesicht und Kleidung, sich in bester Laune zu zeigen sei man einem solchen Tag wie heute schuldig, bekannte Vater Reinhard und auch Mutter nickte dabei und lächelte in sonnigster Manier anderen Spaziergängern zu. Zwischendurch hielt man an und schwatzte. Dabei kniff Vater August gern mal in die Wange und sagte beschwörend, dass er seinen Sohn liebe. Mutter Reinhard strich Hanna jeweils in wohlwollendster Zuneigung übers Haar, als würde sie einen Glanz darauf zaubern wollen. So vergingen Wochen für Wochen. Jahre für Jahre. Alles schien immer in bester Ordnung zu sein bis zu dem Tag, an welchem man anfing, den Salzstreuer ... bis zu dem Tag, als die Gnade der Liebe, als deren Beeinflussungen rar wurden ... bis zu dem Tag, an welchem das Phantom, der Grund ihrer Beziehung sich offenbarte und die Magie ihren Ahnungen von der Seite wich. Aus den Fugen geraten schien das Etwas, welches Ordnung in ihrer Welt ausgeübt hatte. Sonntägliche Spaziergänge hatten etwas Staubiges bekommen. Glichen immer mehr einer verruchten Eintönigkeit. Momente, die man lieber nicht durchlebt hätte. Das Besondere von damals viel weg. Schuldig oder nicht, sich in bester Laune zu zeigen war unmöglich geworden. Das Verständnis, die Geduld des Verliebtseins ließ nach. Hastig fiel man einander ins Wort. Raste durch ein Niemandsland. Vorüber an Verstand, immer näher vieler Zweifel. Rücklings im wispernden Gras liegen und Schmetterlinge beobachten, wurde plötzlich lachhaft. Träumereien auch. Existent durften nur noch greifbare Dinge sein. Deren Herkunft würde man kennen. Überall gibt es Niemandsländer. Auf der ganzen Welt sind diese verstreut. In Argentinien sowie in Indien. Hinter Mauern und um Ecken. In Köpfen und in Herzen. Überall wird von Liebe und ihrer Unberechenbarkeit gesprochen und davon, wie kostbar beides sei. An tausend andere Niemandsländer würde ein Niemandsland grenzen. So wie die Mosaiksteine auf dem Flurboden, welche noch immer in Augusts Erinnerung weilten wie aneinandergefügte Geschehnisse. Auf diesen vielen geschliffenen und sorgfältig gelegten Steinchen hatte er schon geschlafen, erinnerte sich August manchmal. Darüber sei er auch schon hinweg geschleift worden. Fest am Arm gepackt hätte ihn Schwester Margot damals, und dass er davon keine Flecken abbekam, sei ein Wunder gewesen. Hätte er eines dieser Keramikplättchen als sein Niemandsland bestimmen müssen, wäre er daran gescheitert. Eigentlich hätte es jedes sein können und dann wiederum keines oder alle zusammen. Heimlich hatten er und seine Freunde Kurt und Albert sich gern mal in dieses verbotene Gebiet, in diesen verlockenden Distrikt hineingewagt. Bunt und leuchtend waren die sorgfältig aneinandergefügten Plättchen. Wäre es möglich gewesen, hätte man diese am liebsten in die Hosentaschen gesteckt. Selbst wenn man nicht stehen bleiben wollte, konnte man nicht achtlos daran vorübergehen. All das Bunte, die Muster, das Zusammenspiel, die Zeit, die Lebendigkeit, welche sich darin versteckt hielt, Liebschaften und Versuchungen, Ahnungen und Trost hielten einen auf. Schwester Margot musste wohl einen Verdacht gehabt haben, um was es ging. Und doch schien sie diese phantastischen Gefilde, das Ziehen, der Drang nach einer unbeschreiblichen Freiheit abzulehnen. Von sich zu weisen. Der Korridor, das Mosaik, all die Niemandsländer gehörten unter ihrer Herrschaft einem Verbot an. Selbst in der Übermüdung oder beim Träumen haderte sie damit. Sich solchem hinzugeben war nackter Kontrollverlust. Aber auch Vater und Mutter Reinhard schienen die Welt der Fliesenbilder nicht zu verstehen. Lärm musste also Lärm bleiben. Das zarte Gefühl der Verliebtheit durfte es nicht mehr geben. Ein Trümmerfeld musste ein Trümmerfeld sein. Ganz verstanden hätten sie ihre Eltern nie dabei, meinten Hanna und August, wenn diese von Liebe sprachen. Fritz wäre da immer viel klarer daher gekommen, und wenn er sagte, dass das Einfache nicht immer das Beste sein müsse, oder dass so kompliziert etwas ist, es auch einfach sei und umgekehrt, hätten sie ihn auf Anhieb verstanden. Selbst wenn auch er von Fliesenbildern keinen Schimmer hatte. Ohne sein Wissen fügte er Stein an Stein, schaffte Bilder für sich und die Welt und hätte er dies gewusst, wäre ihm vieles einfacher gefallen. Kompliziert jedoch, wäre es geblieben.

Süße Kinder seien sie, sagten die Leute aus dem Dorf. Und auch die aus der Stadt, die nur wegen Vaters Kaufmannsladen hierher kamen. Dass Hanna und August sich die Liebe nicht erst vorstellen müssten, meinten sie, und dass sie von schönen Liedern und Klängen von Lauten und auch von Harfen umgeben wären, die beiden. Man könnte sich ertappt fühlen von Hannas und Augusts Blicken. Man würde sich als das erkannt ahnen, als was man sein könnte. Als fege ein Wirbelsturm durchs Zimmer und würde Tisch und Bett und Kleider und einfach alles, was durcheinander steht und liegt wieder herstellen, wäre einem in solchen Momenten. Manch unflätiger Gedanke müsste weichen. Besser zu sein als andere, wäre auf einmal unnötig. Und als könnte man dadurch Zeit gewinnen, käme es einem auch vor. Nur, eines gäbe es da eben dennoch. Irgendwann müssten die Kinder der angesehenen Familie Reinhard den Ernst des Lebens doch noch kennenlernen. Immer so glücklich und unbeschwert würde es wohl nicht vorangehen. Man wünsche ihnen dies nicht in schlechter Absicht, doch aus eigenen Erfahrungen könne man bestimmt sagen, dass Bildung und Stand die eigentliche Freiheit auf Erden ausmachen täten. Vielleicht später einmal, hinter himmlischen Toren, würde es anders sein, sofern man von dieser Gnade erfasst würde.

DEM HASEN EIN OHR AB

EINE VIDEOJOURNALISTIN AUF REISEN

Wie eine Zigeunerin zog ich von Ort zu Ort. Lebte aus dem Koffer. Von der Hand in den Mund. Man liebte mich. Man weinte um mich. Man jubelte mir zu.

Vom Koffer in den Mund - Aus Behagen fläzte ich eine Zeitlang auf dem Stubenteppich und rannte darauf freudenschreiend aus der elterlichen Wohnung. Die Treppe hoch und runter, vorbei an dem betagten Herrn Eisenhut und seiner schrumpeligen Frau Lilchen. An der schielenden Miss Siusan Cunningham, an der immerzu kichernden Tamilin Aadumayl und weiteren, mir unbekannten, doch äußerst adretten und uniformen Persönlichkeiten. Allesamt standen sie mit aufgerissenen und, wenn ich es richtig gesehen habe, auch angefeuchteten Augen zwischen Tür und Angel. Sie wussten – jetzt hat sie es geschafft. Jetzt hat sie den Koffer zugeklappt. Die Schlösser eingeschnappt. Sich entfesselt von allen Hemmnissen und die Packung mit den Betablockern zerknüllt und ins Klo geworfen. Als verschroben mochten mich meine Nachbarn empfunden und meinen Aufbruch als impertinent bezeichnet haben. Doch erachtete ich meine Entscheidung als die gelungene Tat eines Genies. Ausgeklügelt und doch in der Spontanität des Rastlosen. Ich war eine der Natur abgewonnene Bereicherung für die Gesellschaft. Ich war jene Heldin, welche für das Gemeinwohl die Courage aufbrachte und eine Bresche in den Alltag zu schlagen wagte. Wie eine Zigeunerin zog ich von Ort zu Ort. Lebte aus dem Koffer. Von der Hand in den Mund. Man liebte mich. Man weinte um mich. Man jubelte mir zu. Natürlich ermunterte mich dies in meinem Schneid. Und tatsächlich stand ich in schönster Blüte. Sublimiert mein ganzes Wesen und ausgebrochen aus der Pedanterie quälender Sesshaftigkeit. Und mit dem Ehrenwort des Genies versichere ich Ihnen meine Geistesgröße und den Verdienst meiner Begabung. Wider meiner eigentlichen Verschwiegenheit, ist es mir eine Ehre, hiervon berichten zu dürfen.

         

Fragen Sie sich bitte nicht nach dem Indikator meines außergewöhnlichen Triebes nach Höherem streben zu wollen. Betrachten Sie meine Reisen als Ventil hedonistischen Bemühens. Als das Liebesabenteuer des Kyrenaikers. Nun gut, für mich standen Tür und Tor offen. Eigentlich wünschte ich dies auch meinen Mitmenschen. Oder zumindest meinen Mitbewohnern und Nachbarn. Meinen Eltern. Den Eisenhuts. Miss Siusan und Aadumayl. Aber auch den Neuzugezogenen mit ihren Kindern, Verwandten und Bekannten. Jauchzend rannte ich in Socken und Boxershorts über die polierten Fliesen in die Wohnung zurück und fragte mich, ob jemand mir zu liebe das Treppenhaus so fürstlich geschmückt hatte. Mit Blumengestecken und sonstigem Firlefanz. Bildern und Duftkerzen. In knappen Worten, wie es sich für eine Frau der Tat gehörte, informierte ich meine Eltern über mein Vorhaben. Den Katzen warf ich das für den Sonntag bestimmte Roastbeef in den Napf und den Zierfischen überließ ich den vorgebackenen Yorkshire-Pudding plus Katzenfutter. Auch bedankte ich mich in den Abschiedszeilen für ihre Warmherzigkeit und das unerschütterliche Wohlwollen. Anstandsgemäß vergaß ich nicht Vaters Videokamera zu erwähnen, welche für meine reisejournalistische Arbeit, welcher ich mich gezwungenermaßen stellen musste, von äußerster Tragweite war. Und nur weil ich kein Kleingeld mehr hatte war ich genötigt, aus Mutters Einkaufsportemonnaie ein paar Groschen für die Straßenbahn zu klauben. Natürlich hätte ich auch das Taxi nehmen können. Doch sagte ich mir, dass ich von Anfang an zum Geld Sorge tragen will. Alleine schon ob dieser Einstellung liebten mich meine Eltern und schenkten mir volles Vertrauen. Ohnehin stand für uns Vertrauen an oberster Stelle. Liebend gern hätte ich die Rückkehr meiner Eltern abgewartet und mein Abschiedsgeschenk entgegengenommen. Doch wollte ich noch Tante Hedwig über meine Abreise in Kenntnis setzen, damit sie mir etwas mit auf den Weg geben konnte. Ein Wunsch, welchen ich ihr jeweils nicht abschlagen durfte. Zumindest nicht damals, wo ich mich in einer hoch lebhaften Phase befand und für jegliche Form des Ansporns dankbar war. Eine sich alleweil lohnende Investition, auf solche Leute zu setzen. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Eine von mir klipp und klar definierte Zielsetzung. In relativ kurzer Zeit ließ sich der Besuch bei ihr abhandeln. Ich bestellte dann doch noch ein Taxi und ließ mich zum Bahnhof chauffieren. Mutters Spaziergeld spendete ich der Fahrerin. Schließlich trug sie mir meinen Koffer noch bis zum Perron. Versehentlich setzte ich mich ins Erstklasse-Abteil. Was allerdings keine Rolle spielte. Den Aufschlag bezahlte ich gerne und um ein Haar wollte ich dem Schaffner noch ein Trinkgeld geben. Eigentlich stellte ich mir die Fahrt um einiges entspannter vor. Doch diesmal, zugegeben, lag es an mir. Ich hätte mich eindeutig besser informieren sollen. Über mich selbst verwundert setzte ich mich in den Speisewagen und klappte den Laptop auf, um neue Möglichkeiten abzuchecken. Zürich – Köln – Bruxelles – Antwerpen dauerte mir auf einmal entschieden zu lange. Über Paris war eine schlechte Alternative. Diese hatte ich ja zuvor schon abgecheckt. Ich schlürfte meinen Cappuccino und lächelte strahlend die hübsche Bedienung an. Ich hatte ja auch allen Grund dazu. So fand ich doch tatsächlich einen Lastminute Flug von Köln nach Venedig. Businessclass! Morgen um 07:30 Uhr. Um einem weiten Weg zum Flughafen vorzukommen, mietete ich mir gleich ein Zimmer in einem elitären Hotel in nächster Agglomeration. Antwerpen Ade, schrieb ich in die Agenda und: Sitze vergnügt im Überschallzug nach Köln. Bereite VJ-Aktion vor. Weißabgleich, Ton usw. eingestellt. Interview mit Service-, Küchen- und Hilfspersonal. Anschließend Travelling-Aufnahmen Speisewagen.

         

Aus Rücksicht erstatte ich Ihnen keinen ausführlichen Bericht über meinen Hotelaufenthalt in Köln. Nicht über die anfänglichen Schwierigkeiten am Empfang und auch nicht über das Missverständnis in der Piano-Bar. Über all die moralischen Dummheiten. Schlussendlich hatte sich ja alles zum Guten gewendet. Und selbst der Pianist spielte nur noch für mich. Zumindest kam es mir so vor. Am nächsten Morgen verpasste ich auch den zweiten Shuttlebus des Hotels. Ich ließ mir ein Taxi rufen. Auf mein Verlangen hin brachte ein Portier meinen Koffer zur Rezeption. Formgewandt winkte ich ihn damit gleich zum Taxi mit dem lethargisch anmutenden Chauffeur weiter. Natürlich gab ich ihm dafür eine Belohnung. Höflich hielt ich noch kurz nach der Hoteldirektorin Ausschau. Umsonst, wie sich herausstellte. Sie herbeirufen lassen wollte ich nicht. Ich dachte nur, dass sie sich vielleicht gerne von mir verabschiedet hätte. Am Flughafenterminal angekommen, hörte ich, wie mein Name mehrere Male aufgerufen wurde. Ich fühlte mich seit langem wieder einmal ernst genommen und genoss mein Dasein als Videojournalistin und Darstellerin jenes Popstars, der mir in vielen Dingen ähnlich war. Rein physiognomisch, in Gestik und Mimik, aber auch in seiner vornehmen Gangart. Einziger Unterschied: ich war nicht in Begleitung von Bodyguards, sondern von einer Flugbegleiterin, welche mir wahrhaftig versuchte Feuer unterm Hintern zu machen. Natürlich spielte ich ihr zuliebe mit und rannte an ihrer Seite zum Flugzeug wie ein gehetzter Hund. In meiner Situation wie ein Rockstar. Allerdings einer ohne Privatjet. An keinen jubelnden Fans vorbei. Niemand versuchte, sich um meinen Hals zu werfen. Oder wollte ein Autogramm erhaschen. Keine Paparazzi. Keine Euphorie Dritter. Ich vermisste die Groupies. Ich vermisste mich. An Bord angekommen stellte ich mich mit meinem Nachnamen, dann nachdrücklich mit Vor- und Nachnamen beim Personal vor und bedankte mich gleichzeitig für ihr Entgegenkommen auf mich zu warten. Dem Piloten ließ ich meine Ankunft ausrichten. „Startklar!“, rief ich weiteren Flugpassagieren aufmunternd zu. Und wie im Theater richteten alle ihre Blicke gespannt auf die Protagonistin, auf mich. Obschon die netten jungen Damen vor und hinter mir bereits das Erstehilfe-Set gebärdenstark vordemonstrierten. Der Vorhang war gefallen. Für die Flugbegleiterinnen. Ich machte meine dritte Travelling-Aufnahme (die zweite war in der Hotellobby), dann wurde ich untergehakt zu meinem Platz gebracht und angeschnallt. Businessclass! Venezia, ich komme!, schwelgte es in meiner Brust und glücklich verköstigte ich mich an dem von mir gewünschten Weight-Watcher-Frühstück. Ich verlangte Tageszeitungen in Italienisch, Englisch und Russisch. Von Russisch hatte ich allerdings keine Ahnung. Ich klappte den Laptop auf und ließ mir koffeinarmen Kaffee nachschenken. Assugrin hatte ich noch. Immer wieder erntete ich bewundernde Blicke von anderen Passagieren. Wahrscheinlich waren sie hin und her gerissen ob meiner Person. Wussten nicht wo sie mich einzustufen hatten. Sei es im Showbiz oder in der Wirtschaft. Meine Mimik verriet es in keinster Weise. Den Flugbegleiterinnen hingegen, zwinkerte ich schon mal zu oder hob die eine Augenbraue an. Gab mich als was ich war zu erkennen. Als Marie Huber aus Zürich.

         

Venedig war einfach wundervoll. Zauberhaft! La Serenissima! Molto bello! Bellissima! Ich brauche weder Zürich, noch Antwerpen. Paris und Köln können mir gestohlen bleiben, notierte ich ins Logbuch. Bleibe vielleicht etwas länger. Filmfestspiele. Mostra internazionale d’arte cinematografica di Venezia. Plane Videoaufnahmen. Dann klappte ich das Buch zu wie damals den Koffer. Verließ das Zimmer. Das Hotel. Den Garten. Und trat auf den sonnenbeschienenen Platz hinaus. Ich trug eine dunkle Sonnenbrille. Meine gelierten Haare waren streng nach hinten gekämmt. Die Lippen geschminkt. Die Bluse trug ich rotzig aufgeknöpft, obschon ich keinen BH trug. Hose und Schuhe waren äußerst elegant und mit Leichtigkeit, ich spürte es genau, faszinierte mein Erscheinungsbild etliche Leute. Leute verschiedenster Nationen. Natürlich profitierte ich von den Festspielen. Einiges vereinfachte sich für mich dadurch. So waren viele meiner Gespräche den Leuten beinahe ihre Existenz wert und ich wurde zu den verrücktesten Anlässen eingeladen. Herausragende Verköstigungsmöglichkeiten waren selbstverständlich. Was mir wiederum eine Verlängerung meines Aufenthaltes ermöglichte. Meine Eltern und auch Tante Hedwig fingen sich bereits an zu sorgen. Worauf ich sie herzlichst vertröstete und meine Situation bis ins Detail schilderte. Natürlich erwähnte ich auch Hoteladresse und Bankverbindung. Täglich sandte ich ihnen wunderbare Bilder von Palästen, goldenen Gondeln, aufflatternden Taubenschwärmen, märchenhaften Brücken, vom feudalen Theater und der Bibliothek. Von Schulen, Zunfthäusern und Piazzas. Vom Sonnenauf- und Sonnenuntergang. Doch fühlte ich mich nach zwei Monaten der Rast erneut von seltsamer Unruhe heimgesucht. Weitere Einladungen schlug ich aus. Weder Kunst noch das männliche Geschlecht konnte mich festhalten. Ich bat um das Lösen meiner Fussfessel. Ich fühlte mich elend. Und was ich für Jahre als unumstößliches Privileg betrachtete, war mir auf einmal nicht mehr genug. Zückte stattdessen Agenda und Bleistift und schrieb: Das Liebesabenteuer des Kyrenaikers hat sich ausgelebt. Denn was bedeutete mir jetzt noch Venedig oder Zürich, die Stadt meiner Jugendjahre? Was die Reisen nach Indien und Russland? China und Amerika? Auch Hamburg, Wien und Rom hatte ich gesehen. Die Akropolis und die Golanhöhen. Afrika. Die Spitzbergen. Jetzt, so wusste ich genau, musste ich einen neuen Weg einschlagen. Einer, der sich nicht kartographieren ließ. Einer, der durch unsichtbare Gefilde führte. Sich jeglicher Beschreibung und Sprache entzog. Ein Durchwandern eines unendlichen Gebietes sollte es werden. Von einer Lauterkeit in die nächste. Ein hinter undurchdringbarer Umzäunung geglaubtes Land wollte ich entdecken und mit meinem Ehrenwort versichere ich Ihnen, ich hatte es gefunden. Mit wahren Gefühlen und unter angehobenen Brauen hervor betrachtete ich diese neue Welt wider üblicher Gewohnheit. In aller Bescheidenheit. Sogleich bemerkte ich diese fantastische und erdferne Ungebundenheit. Und ob ich demnach in Venedig auf einem kaiserlichen Balkon weilen würde oder in New York in einem der miefenden Yellow cabs sitzen, meine neu entdeckte Welt traf ich überall an. Ich fühlte mich herrlich. Alles je Erträumte breitete sich vor mir aus wie ein glitzerndes Geschenkpapier.

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