Die verspielten Tage bleiben dieselben

Zunehmend verblassende Sonnenkringel liegen auf meinem Gesicht, blinzelnd schaue ich ihnen entgegen durch das zart belaubte Geäst und wie ein aufs Unendliche erprobtes königliches Parfum atme ich die Natur ein, sehe Wolken, welche in Schleier gezogen an einen Pinselstrich erinnern, an feine Zobelhaare, an Kunstwerke, beeindruckt, schwelgend und voller Fülle streifen meine Sinne in eine wunderbare Welt hinein, in den Schatten des Magnolienbaumes im Garten meiner Eltern. Und wie ein äußerer Pulsschlag tritt der Junge der ich einmal war an mich heran, eigenständig meine Jugend in Erinnerung rufend. Auf dem Bauch liegend, die Ellenbogen in den Rasen gestemmt und das Kinn in Handballen stützend, schaue ich zwischen Balustraden hindurch in die vertraute Ruhe, mit welcher das Bild meiner Kindheit behaucht ist. Begegnend aufgeschäumten Phantasien, dem wild herum galoppierenden fuchsroten Hengst, dem von Baumästen herunter fauchenden Leoparden, purzelnd durch schillerndste Farben – das alles bin ich. Aber auch der stille Betrachter der Azaleen- und Kamelienstauden, der Bewunderer jeder Blumen- und Gemüseknospe, kein abgeknickter Grashalm kann sich meiner behütenden Aufmerksamkeit entziehen, fortwährend behalte ich das Schöne im Auge, hinter Beeren und Früchten versteckt liegt das Haus, umgeben von leuchtend grünem Rasen. Mit fleckigen Knien und Ellenbogen schleiche ich mich immer wieder und in ganz unwahrscheinlicher Heiterkeit in die Nähe meiner Eltern, in einer Fensternische sehe ich meine Mutter sitzen, mit angezogenen Beinen und verträumten Augen, die Sonnenstrahlen scheinen nur noch mild und flach in den Raum und an die weißgetünchten Wände, vor ihr auf den Fersen kauernd erzähle ich meine neusten Entdeckungen, spreche in ihren Worten vom Garten, von den umgestochenen Rabatten, den Blüten und dem Zaun, welchen man abschleifen, ablaugen und neu streichen sollte, Weiß würde doch ganz schön aussehen, nicht immer dieses langweilige braungebeizte jedenfalls. Wie eine Liebhaberin krault sie mir dabei den Nacken, wickelt mein dunkles Haar um ihren Zeigefinger und glättet es wieder. Wenn dann auch die ersten Stufen der Treppe im Schatten liegen, mache ich mich zu Vaters Klangwelt auf, steige die knarrenden Tritte empor, sieben bis zum Zwischenboden und dann nochmals sechs, durch das gekippte Dachfenster dringt die aprikosenfahle Abendluft, durchdringend meine ganze Gestalt.

 

Riesig erscheint mir die schwarze Bassgeige in Vaters Arm und endlos sein streichender Arm, doch zieht mich sein Lächeln sogleich in Obhut. Auf Zehenspitzen emporgereckt zupfe ich eine von hunderten Schallplatten heraus und halte sie ihm entgegen, dass ich mir diese wünschen täte, sage ich ihm, worauf er in seiner undurchschaubaren Ordnung nach deren Noten gräbt. Noch ein Stück, sage ich sobald eines fertig ist oder dem Ende zugeht und zwar solange, bis ich von Musik gesättigt, taumelnd aus seiner Klangwelt auftauche und nach Luft japsend den Raum verlasse. Weiter erklingen in meinen Ohren Bassgeige und Orchester und als sei Vaters Geschick nichts weiter als eine lustige Laune der Natur, weiß ich von mir, irgendwann gleiches zu tun.

 

Meinen Erinnerungen genüsslich erlegen wende ich mich auf den Rücken, letztes Sonnenlicht bricht auf meinem von Schweiß umhüllten Körper, den Ruf meiner Kindheit werde ich wohl immer hören wollen, erkennen unter tausend anderen, als zeitdurchschlagendes Projektil gewissermaßen, ein Zuhause in allen Tiefen der Leidenschaft, weit weg von alldem, was mir sonst wichtig ist. Erodierend der Rausch der Erwachsenenwelt fühle ich mich wie in einen duftenden Blütenkelch geschupst, fröhlich jauchzend meinen Namen hinausrufend, verwischt bleiben die Konturen grüblerischer Züge um den Mund, welche glückliche Tage von unglücklichen zu unterscheiden versuchen und in dieser eigentümlichen Haltung kann ich nur gewinnen, so spüre ich dies, was sich mir sonst verbietet.

 

Bitteres Odeur von Knospen und Blättern erfüllt die Luft, mondbeglänzt liegen die Wipfel der kleinen Birkengruppe in lauem Wind und in Abkehr aller Erfahrung, hege ich den Ausdruck der Kindheit in meinem Schoß. Unter buschigen Augenbrauen hervor betrachte ich dieses Ehrenwort und gegen meine Gewohnheit mache ich mir diese Eigenschaft zu Ehren, zu meinem Verdienst. In enger Umarmung durchwandere ich die vergangenen Tage, umschlossen die junge Hand, dem Leben ein Lachen abgewonnen wähne ich mich in uneingeschränkter Glücklichkeit und mit geschlossenen Augen lass ich mich von ihr führen.

 

Das Haar zu einem Knoten gerafft sitzt Mutter im Gartenstuhl und in ihrer Sicherheit wage ich die sommerliche Nacht mit ihren Versprechungen zu genießen, neugierig auf die späten Heimkehrer aus der Stadt, welche mit ihren Wagen kreuz und quer Lichtkegel ins Dunkel strahlen, gewiss könnten diese mir viel erzählen, abenteuerlich stelle ich mir ihren Ausflug vor, die späte Heimkehr jedenfalls zeugt davon. In Erstaunen wird mir die Nacht immer bewusster, ziemlich spät für einen jungen Mann, würde Mutter sagen, wenn ich sie nach der Uhrzeit fragen täte. Natürlich schmeicheln mir solche Worte jeweils und machen den Tag noch schöner als er ohnehin schon war. In eine Wolldecke eingewickelt belausche ich meine Gedanken, eine weit zerstreute Neugier, und so stellen sich immer wieder neue Bilder heraus, unbeantwortet und reizvoll. Aufgefrischter Wind weht mir vom Heuschnitt erfüllte Luft zu und verzaubert meine Sinne auf angenehmste Weise und nur noch halboffen stehen meine Augen, als mir Mutter die Zeit zuruft. Umso mehr wickle ich mich in die weiche Wolle ein, kuschelnd und bis unters Kinn hochgezogen, versteckt, doch voller Hoffnung gefunden zu werden. In glückseliger Erschöpfung schmiege ich dann meinen Kopf an Vaters oder Mutters Schulter sobald ich auf mein Zimmer getragen werde, und eines möchte ich noch erwähnt haben und dies mit Sorgfalt, selbst wenn ich einmal alt und faltig bin, die verspielten Tage werden dieselben bleiben und der Leopard in tausend Jahren noch Flecken haben!

Verspielte Tage

Kurzgeschichte

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