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Der Spaziergang

In Erinnerung an Robert Walser

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Der Spaziergang

Ich teile mit, dass ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr genau um wie viel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer verließ, die Treppe hinunter lief, um auf die Straße zu eilen. Beifügen könnte ich, dass mir im Treppenhaus eine Frau begegnete… und wenn ich mich richtig entsinne, handelte es sich dabei um eine Spanierin, jedenfalls stelle ich mir die Dame liebend gerne als eine solche vor, denn mag auch ich das feurige Funkeln derer Augen, freizügige Dekolletés auch. Nur schade, dass Robert Walser hierfür weder Raum noch Zeit zu opfern bereit war, so würde ich doch auch heute noch zu gerne um die Vorzüge dieser mit Sicherheit blumig duftenden Südländerin wissen. Dass sie etwelche bleiche und welke Majestät zur Schau trug, will ich nicht gehört, respektive gelesen haben. So könnte ich nicht einmal, und dies trotz meiner erstaunlichen Erfahrung mit dem lieblichen Geschlecht, mit Sicherheit sagen, was damit gemeint ist. Natürlich stelle ich Vermutungen an, genau wie Sie, doch möchte ich Ihnen nichts unterstellen, vielleicht wissen Sie es ja tatsächlich, vermuten demnach nichts, sondern sagen klar und deutlich heraus, dass es sich dabei um das Gesicht, um Falten und Teint handelte. Mit dem Buch unterm Arm und den Händen in den Hosentaschen, trete auch ich auf die morgendliche und sonnenbeschienene Straße heraus und begrüße die Welt mit deren herrlichen Düften, dem königlichen Odeur abenteuerlicher Heiterkeit. Nicht, dass ich im Sinn hätte, Walsers Spaziergang zu folgen, nein, nicht einmal in seinem Buch will ich lesen, da ich dies ja schon etliche Male getan habe und weiß, dass schon bald einmal Herr Professor Meili aufkreuzen wird, welcher mir in seiner ganzen Gestalt noch sehr wohl präsent ist. Spitz sticht meine Nase in die Luft und mit stolzen Schritten gehe ich meinem täglichen Weg entlang, das Buch unterm Arm, sorgsam, und sollte mir langweilig werden und meine Stimmung einzustürzen drohen, ich das Verlangen nach Unterhaltung spüren, kann ich ja immer noch ein paar Seiten lesen, auch wenn zum wiederholten Male. Und damit wir uns richtig verstehen müssen Sie wissen, dass es nicht nur Robert Walsers Erzählkunst ist, welche mich anspricht, sondern bin ich ja ein Berufskollege, also auch einer der schreibt, einer der hinter Ecken hervor späht, alles sieht und hört, ja, meine Spaziergänge sind mir wichtig geworden. So fließend wie ich mich vor geraumer Zeit durch die Zeilen gelesen habe, bewege ich mich auch durch die Straßen Berlins, biege in die Wieland-Straße ein, kurz flammt mir ein Gedanke hoch, dann denke ich aber wieder an meine Aufgabe, an mein Lieblingsbuch und daran, dass Walser selbst einige Jahre hier in dieser Stadt gelebt und gearbeitet hat. Würde ich mein Buch verlieren oder es würde anderweitig abhanden kommen, verzeihen Sie, aber ich würde bis ans Ende der Welt danach suchen wollen, denn nichts könnte mir mehr Freude bereiten, mein eigenes Promenieren in einem Buch wiederzufinden. Anders wohl und doch ähnlich, ein Projektil, welches lautlos ein Geschick durchschlägt. Eine Zeit, die Walser zu meinem vollen Verständnis nicht missen wollte, so bleibt doch auch Lesen und Schreiben wie ein liebliches Vor-sich-hin-Purzeln, wie eine wunderliche Kaprice. Und wie man doch so gerne etwas entgegen wartet, so findet auf einem Spaziergang die Geschichte wie zu sich selbst, ein unablässiger Wanderer werde ich wohl bleiben, von Ort zu Ort ziehen, von Träumerei zu Träumerei, von Zärtlichkeit zu Zärtlichkeit, von Bekanntschaft zu Bekanntschaft, selbst bestimmend einer rätselhaften Freiheit entgegen.