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Kuckuckseier

Tagebucheintrag

Kuckuckseier

Sehe sie über die Hügel laufen. Hält das Kind fest gegen ihre Brust gedrückt, geborgen unter ihrem Mantel. Sie schaut zu mir herüber. Wir winken uns zu. Manchmal bitte ich sie, mir zu sagen, dass sie mich liebt. Ich liebe dich, sagt sie dann jeweils. Ich habe es zu ihr auch schon gesagt. Als wir uns kennen lernten ... als ich zum ersten Mal unsere Tochter sah ... zu deren Stunden habe ich es ihr gesagt, weil sie mich danach gefragt hatte. Ich habe es gerne getan, weil sie meine Frau ist. Der Februar ... er brachte die Erlebnisse ... die Ereignisse mit sich.

 

Bin jetzt über achtzig Jahre alt ... hatte oft kalt ... bis zu dem Tag, als man mir sagte, ich müsse nicht nach einer Frau suchen, da ich ja schon eine hätte. Ich wusste nichts davon und schaute von da an jeder weiblichen Person tief und lange in die Augen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Der Februar trat wieder nahe an mich heran ... gefährlich nahe ... ich konnte ihn jedesmal wahrnehmen ... wittern ... Gott, diese Weibsbilder! ... warum bloss? Ich wollte nie Kinder.

 

Stehe auf ... schaue an mir herunter ... auf die Schuhe ... blicke wieder hoch. Sehe meine Frau über die Hügel gehen. Unser Kind auf dem Arm. Die Luft riecht frisch. Angenehm. Es soll keinen weiteren Februar mehr geben. Dieser soll der letzte sein. Ich liebe meine Frau ... aber … warum nur ... warum bittet sie mich jetzt nicht danach ... jetzt möchte ich es ihr sagen dürfen. Ich schreie es aus meinem Innern heraus, zum Fenster hinaus und warte darauf, dass der Wind meinen Ruf zu ihr hinüber trägt. Das Kind hat es gehört. Es schaut mich an. Meine Frau auch, doch sie schweigt ... führt ihren Weg fort.

 

Kindlicher Kesse zum Opfer gefallen beobachte ich sie aus meinem Versteck heraus ... trägt noch immer das Kind auf dem Arm ... die eine Hand abermals durch die Luft schwenkend ... gespreizt die Finger ... gesunde Wangen ... doch, wie kann sie mich bloss sehen? Sie wird mich erahnen ... sie sieht mich ganz bestimmt nicht ... denn ich schreibe ... schreibe auf, was mir der Wind zuträgt.

 

Im Februar passieren eben seltsame Dinge ... doch man beginnt sie zu lieben ... zu rufen. Meine Frau ... sie spricht immer mit einem Lächeln ... dann, wenn ihr Herz ins Hüpfen gerät ... wenn sie glücklich ist ... wenn sie über die Hügel geht und dem Wind trotzt, der auf sie zukommt ... immer dabei ist ihr Lächeln ... auch dann, wenn ich sie nicht hören kann. Ich glaube dies ist so, weil sie mich und unser Kind liebt ... weil sie sich liebt ... weil wir sie lieben ... und uns. Wüsste ich ihren Namen, würde dies nichts ändern. Sie bliebe die Frau meines Herzens ... die Mutter unserer Tochter.

 

Lebe im Februar ... doch ist es der März, der meinen Geist führt. Wo sie hingeht, kann ich ihr nicht folgen ... sie würde mich bemerken ... mich zurückschicken ... weil es noch zu früh ist. Dreiundachtzig Jahre alt bin ich. Sie ist jung. Vierundzwanzig - sagt sie. Ihren Namen ... sie hat ihn einmal genannt ... könnte sein ... weiss es nicht ... habe es wahrscheinlich vergessen. Es geht auch ohne Namen. Wenn ich den März erreicht habe ... spätesten dann werde ich ihn erfahren ... vielleicht. Alles ist ruhig. Angenehm. Es würde eben immer weitergehen, flüstert der März. Obschon ... eigentlich wollte ich noch nie Kinder haben.

 

Die lieblichen Sperenzchen, wie ich sie zu nennen pflege … der harmlose Junge … die erblühende Erfahrung … in süsser Erinnerung liegt mein Herz … von Freundes Hand geführt … umhüllt von Seide und verblichenen Wünschen … zart sind die Hände jugendlicher Tage … in meiner Umarmung halte ich die alte Eile … deren Verfall … die unverstandene Freiheit. Doch jetzt stehen sie offen, die Fenster … sich in den Angeln drehend … schwingend im Hin-und-Her bewegter Worte … spiegelnd die entfernten Dünen … dahinter das Meer … das Blau … der März.

 

Wege verwehen zusehends ... alles nicht mehr so schlimm ... die Freuden bleiben. Irrwege? Die Vögel pfeifen schöne Lieder von den Bäumen ... nisten wieder in Büschen und Sträuchern. Sanfte Musik zieht über die Hügel ... wehende Schleier. Zu meiner Brust meine Geschichten ... hell erleuchtet der Horizont ... in herrlichem Gelingen ... entführt einer Unendlichkeit. Liegt alles vor mir ... und doch werde ich es zurücklassen ... die Nacht wird dem Tag weichen müssen ... der Februar dem März. Rauschend wird der Wind die Segel füllen. Schliesse meine Augen ... die Dünen ... der Sand ... das Silbergras ... barfüssig und mit vorsichtigen Schritten taste ich mich voran ... es ist alles da ... alles vorhanden ... das Kind an meiner Brust ... die Liebe ... die lange ersehnte Leichtigkeit ... als wäre ich nie fort gegangen.

 

Mein Kopf ... die Schreibfeder ... liegen auf dem Tagebuch ... blutverschmiert das Neugeborene ... erahnt in vieler Gestalt ... in Liebe erwähnt. Speichel rinnt über meine Lippen ... zieht sich übers Blatt ... färbt sich Blau ... aufgesogen sind meine Gedanken ... hetzend hinterher der Februar ... ist er doch nur das Kind vom März ... streifend eine sanfte Nostalgie. Mein Leben im Februar schmilzt dahin ... sanftes Odeur ... ein Augenblick ... ein Zwinkern vielleicht ... ein Blinkern ... aufflammend ... abgerungen dem Moment ... ungebunden ... frei ... die glücklichen Tage ... sie gehen über ... hinein in den März ... verloren die Kuckuckseier.